Die Relativitätstheorie des „Viel hilft viel“

Was wir beim Luxemburger Wort gelernt haben: Drei Erkenntnisse aus sieben aufregenden Messmonaten

Mit der Messung beim Luxemburger Wort von Mai bis November vergangenen Jahres betrat Lesewert Neuland: Nicht nur, weil räumlich die deutsche Grenze überquert wurde, sondern auch, weil sprachliche Grenzen fielen: Im Luxemburger Wort erscheinen überwiegend deutsche, aber auch französische und luxemburgische Beiträge, in loser Folge je nachdem wer der Autor ist. Das Team von Lesewert erhielt also spannende Einblicke in die Luxemburger Lebensart und die Redaktion sammelte Erkenntnisse aus dem Bereich der Lesewert-Mengenlehre. Viel hilft nicht immer viel – oder doch?

Erkenntnis 1: Die Leser nicht mit Ressort-Umfängen überfordern.

Die etwa 80 Redakteure des Luxemburger Wortes meistern täglich ein ehrgeiziges Pensum: Umfänge von über 100 (Tabloid-)Seiten sind keine Seltenheit. Viel Energie und Kraft fließt in die Berichterstattung aus dem Lokalen und den unteren Sportligen oder in die sublokale Beilage „MyWort“.

Allein – die Leser des Luxemburger Wortes haben nicht mehr Zeit als die Leser anderer Tageszeitungen. Und wenn sie mehr Inhalte angeboten bekommen, müssen sie verstärkt selektieren. Die Folge: Immer mehr Beiträge bleiben unbeachtet. Oder, im umgekehrten Fall, den wir während der Messung beobachten durften: Der durchschnittliche Lesewert des Luxemburger Wortes stieg ganz augenfällig in dem Maße, in dem die durchschnittliche Artikelanzahl abnahm – unabhängig vom Ressort.

Was wir gemeinsam gelernt haben: Mehr Kraft in weniger Texte – und die Leser nutzen das journalistische Angebot viel intensiver.

Erkenntnis 2: Teaser-Elemente sparsam, aber konsequent einsetzen.

In Luxemburg begleiteten wir mit Lesewert die Redaktion während einer sanften Layout-Umstellung. Eine Kleinigkeit fiel den Coaches dabei stark ins Auge: Bis Juli hatte es bei vielen Beiträgen gleich vier Teaser-Elemente gegeben: Dachzeile, Überschrift, Unterzeile und Vorspann. Elemente, die zwar Lust auf den Text wecken und Leser anziehen können – aber im Übermaß eingesetzt auch schon sehr viel Inhalt verraten. Der zeitökonomische Leser weiß Bescheid, wenn er sich durch diese vier Elemente gearbeitet hat.

Mit der Layoutumstellung wurde bei Seitenaufmachern die Dachzeile gestrichen. Das Ergebnis: Es wurden deutlich weniger Ausstiegsstellen gleich zu Beginn des Textes erfasst und die Durchlesewerte konnten im Verlauf der Messung um 4 Prozentpunkte gesteigert werden. Ein großer Erfolg für die Redaktion, auch unabhängig vom neuen Layout.

Was wir gemeinsam gelernt haben: Die wichtigsten Fragen beantwortet der Text, nicht der Teaser.

Erkenntnis 3: Ist der Leser „angefüttert“, will er gern noch mehr wissen.

„Weniger ist mehr“? Nein! Auch die „Wort“-Redaktion belegte eines der zentralen Lesewert-Prinzipien: Es lohnt sich, an Themen dran zu bleiben. Das Team der „Landeschronik“ legte auf dem Feld der Kriminalitätsberichterstattung vor, dank ausgezeichneter Kontakte zur Polizei. Ob spektakulärer Todesfall – „Polizist unter Mordverdacht“ – oder eine aufwändig recherchierte Serie zum Kriminalitäts-Hotspot im Bahnhofsviertel: Redakteur Steve Remesch und seine Kollegen hielten die Leser über die Ermittlung auf dem Laufenden, spürten der Mordmethode nach („Warum der Giftmord ausstirbt“) oder verfolgten Kokaindealer im „Schneegestöber auf der ‚Avenue‘“. Dafür fuhren sie Lesewerte von bis zu 60 Prozent ein.



Dass es auch in der Kultur journalistische Dauerbrenner geben kann, bewies die „Affäre Lunghi“: Museumsdirektor Enrico Lunghi, hatte, so schien es, in einem Interview die Fassung verloren und eine Journalistin grob angepackt. Ein Mitschnitt der Szene führte zu einem Disziplinarverfahren, doch dann tauchten Manipulationshinweise zu dem Video auf…
Zwischen dem 5.10 und dem 30.11 erschienen über 40 Texte zum Thema, mit Lesewerten von bis zu 52 Prozent – ein Traumwert im Spartenressort. Personaldebatten oder Berichte über das Fehlverhalten Prominenter funktionieren natürlich auch im kleinen Grossherzogtum Luxemburg.

Was wir gemeinsam gelernt haben: Bei starken Themen gibt es kein „Zuviel“ – solange die Redaktion immer wieder neue Perspektiven findet und konsequent recherchiert.

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Denni Klein
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